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10. November 2014

Dresdner Spitzenmedizin braucht eine sichere Basis


Uniklinikum beteiligt sich an bundesweiter Aktionswoche der deutschen Hochschulmedizin / Aufgabenvielfalt und hochspezialisierte Versorgung von Patienten wird nicht adäquat finanziert / Politiker informieren sich vor Ort

Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden beteiligt sich an der bundesweiten Aktionswoche „Wir leisten mehr: Die Deutsche Hochschulmedizin". Am heutigen Montag (10. November) sind Politiker aus dem Sächsischen Landtag einen Vormittag lang zu Gast im Klinikum und informieren sich anhand konkreter Beispiele über den Auftrag der Hochschulmedizin und deren besonderes Leistungsspektrum. Sie werden dabei unter anderem von den beiden Vorständen des Klinikums, Prof. Michael Albrecht und Wilfried Winzer, begleitet. Themen des Rundgangs sind unter anderem Ambulanzpauschalen, die interdisziplinäre Krankenversorgung sowie das Spektrum der Lehre. – Alles Aufgaben, die unverzichtbar für eine qualitativ herausragende Krankenversorgung sind, aber eine hohe finanzielle Belastung der Uniklinika darstellen. Neben einer heute schon unzureichenden Vergütung vieler für die Bevölkerung wichtiger hochschulmedizinischer Leistungen verschärfen steigende Kosten für Personal, Medikamente und Energie sowie eine inadäquate Kompensation von Mehrleistungen die finanzielle Situation der Uniklinika. Ziel der vom „Deutsche Hochschulmedizin e.V.“ initiierten Aktionswoche ist es, Repräsentanten aus Politik und Verwaltung auf die Problematik hinzuweisen und für Lösungen zu werben, die auch künftig eine auskömmliche Finanzierung der Hochschulmedizin sicherstellen.

Bei einem Rundgang mit Abgeordneten des neu gewählten Sächsischen Landtags stellen die Klinikumsvorstände vor allem Bereiche und Projekte vor, die mit innovativen Ansätzen für eine optimale Versorgung der Menschen in Dresden und Ostsachsen sorgen. So erhalten die Abgeordneten einen Einblick in das telemedizinische Schlaganfallnetzwerk SOS-NET, das eine flächendeckende Versorgung von Patienten mit akutem Hirninfarkt auf höchstem medizinischem Niveau sicherstellt. Weitere Station des Rundgangs ist der Fachbereich Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Als integraler Bestandteil des Kompetenzzentrums der Perinatalregion Ostsachsen unterstützt der Fachbereich die qualitätsgesicherte Versorgung von zu früh oder krank geborenen Kindern der Region. Ziel der kommenden Jahre ist es, die Versorgungsqualität für diese Patienten in der gesamten Region sowohl intra- als auch transsektoral verlässlich sicherzustellen – ganz unabhängig davon, welches Krankenhaus oder welcher niedergelassene Arzt diese Kinder vorrangig betreut. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickeln die Perinatalmediziner des Dresdner Uniklinikums neue Strukturen: Nach der Etablierung des „FamilieNetz“ – welches die psychologisch-sozialmedizinische Begleitung von Eltern sichert – muss jetzt mit dem „VorsorgeNetz“ die transsektorale Weiter­betreuung in Form von risikoadaptierten Vorsorgepfaden etabliert werden. Im Fachbereich Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin der Kinderklinik des Dresdner Uniklinikums werden jährlich rund 800 Neugeborene behandelt. Darunter sind mehr als 120 extrem unreife Frühgeborene. Das Universitätsklinikum betreibt damit eines der größten Perinatalzentren in Deutschland.

Hochspezielle Versorgung von Typ-1-Diabetikern für 12-Euro-Stundensatz

Bei dem Rundgang stellen die Klinikumsvorstände auch die Diabetologische Ambulanz der Medizinischen Klinik III vor. Es ist eine der größten Spezialambulanzen dieser Art in Deutschland und weist ein bundesweit einmaliges Therapiespektrum auf. Die Ambulanz betreut vor allem Patienten, die eine Insulinpumpe nutzen, die das lebenswichtige Hormon über eine Nadel unter die Haut geben. In speziellen Fällen wird dazu auch eine Sonde direkt in den Bauchraum gelegt, um das Insulin noch gezielter in den Organismus zu bringen. Zudem verfügt die Spezialambulanz zusammen mit den Viszeralchirurgen des Uniklinikums über das bundesweit einmalige Know-how der Aufbereitung und nachfolgenden Transplantation insulinproduzierender Inselzellen. Dank dieser umfassenden Behandlungspalette können die Spezialisten rund 400 Typ-1-Diabetiker versorgen, die von einem besonders komplexen Krankheitsbild betroffen sind. Doch finanziell wird diese Spitzenmedizin nicht adäquat vergütet: Aufgrund des Hochschulambulanzvertrags kann das Klinikum pro Quartal und behandelten Patienten lediglich 54,24 Euro abrechnen.

Diese niedrige Vergütung gilt auch für die Versorgung der jährlich rund 20 Schwangeren mit Typ-1-Diabetes. Wenn sich diese Frauen eigene Kinder wünschen, sind sie bereits vor der Schwangerschaft ein Fall für die Universitätsmedizin. An ihrem Beispiel wird das Missverhältnis zwischen Aufwand und Erlös besonders deutlich: Die Patientinnen kommen 14-tägig für etwa eine dreiviertel Stunde zur Auswertung ihrer medizinischen Daten in die Ambulanz. Bei den intensiven Arztgesprächen stehen die innerhalb der vergangenen beiden Wochen registrierten Blutzuckerwerte und Insulinwerte im Mittelpunkt. Gerade in der Schwangerschaft ist es für die Frauen entscheidend, in einem sicheren Korridor dieser Werte zu bleiben, um bei dem ungeborenen Kind unter anderem Fehlbildungen oder eine Frühgeburt zu vermeiden. Der Aufwand für die Diabetesambulanz in den drei Quartalen der Schwangerschaft: knapp zehn Stunden Arztgespräch sowie weitere Stunden für das Beraten und Schulen der Patientinnen sowie für das Auslesen und Aufbereiten der Daten. Die Einnahmen für das Klinikum: 162,72 Euro. Das entspricht einem Stundenhonorar, das sich bei zwölf Euro bewegt. Dieses von den Krankenkassen gezahlte Honorar muss nicht nur für die Fachärzte reichen, sondern auch für die weiteren Mitarbeiter des Ambulanzteams, zu dem auch eine als Diabetesberaterin spezialisierte Krankenschwester, eine Diabetes-Assistentin sowie eine Diätassistentin gehören. Zudem müssen von diesen Einnahmen die Kosten für Unterhalt und Betrieb der Ambulanzräume bezahlt werden.

„Das ist nur ein Beispiel für die vielen hochspezialisierten Ambulanzen des Uniklinikums. Sie sind zentrale Anlaufstellen für Patienten mit seltenen oder besonders schweren wie komplexen Erkrankungen. Diese sehr aufwendige, jedoch sehr schlecht vergütete Versorgung verursacht Defizite in Millionenhöhe“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums und zugleich 1. Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Allein für 2013 summierten sich diese aus der unzureichenden Vergütung durch den Hochschulambulanzvertrag resultierenden Defizite beim Dresdner Uniklinikum auf mehr als sieben Millionen Euro. Zwar ist es in diesem Jahr gelungen, erhöhte Sätze für die Ambulanzen der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin zu vereinbaren, doch eine Vielzahl von Ambulanzen erhalten lediglich die 54,24 Euro pro Patient und Quartal.

Bessere Behandlungsqualität dank interdisziplinärem Krebszentrum

Moderne Hochleistungsmedizin ist fachübergreifend und lebt vom ständigen Innovationstransfer. Interdisziplinarität ist deswegen teuer, weil viele Spezialisten gleichzeitig an den entsprechenden Konferenzen teilnehmen. Folge sind deutlich erhöhte Personalkosten. Das Universitäts KrebsCentrum (UCC) am Dresdner Uniklinikum hat als einer der Vorreiter bei der Etablierung eines Comprehensive Cancer Centers in Deutschland über Jahre Pionierarbeit geleistet. Der höhere Aufwand, der auch Koordination, umfassendes Qualitätsmanagement und eine lückenlose Dokumentation beinhaltet, schlägt sich in einer besseren Behandlungsqualität und damit verbunden auch wissenschaftlich belegbaren Ergebnissen nieder. Trotz der gesetzlichen Regelung, für solche Behandlungszentren Zuschläge mit den Krankenkassen aushandeln zu können, gehen die Uniklinika bisher leer aus. Denn die Vorgaben wurden bislang nicht angewandt oder die Kassen weigern sich, den echten und kompletten Zusatzaufwand für Dokumentationen, Fallkonferenzen, Beratungen und Zweitmeinungen, Auswertungen und Nachkontrollen zu erstatten. Damit bleiben gerade universitätsmedizinische Behandlungszentren für Krebs aber auch die am Dresdner Uniklinikum ebenfalls etablierten Zentren für Gefäßerkrankungen, Rheuma und seltene Erkrankungen unterfinanziert.

Wie eine streng interdisziplinär ausgerichtete Versorgung von Krebspatienten abläuft, erfahren die Landtagsabgeordneten am heutigen Montag bei dem Besuch eines Tumorboards des UCC. Mittlerweile haben die Krebsspezialisten einen über mehr als zehn Jahre angesammelten Erfahrungsschatz bei der fachübergreifend koordinierten Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Krebspatienten. Dank moderner telemedizinischer Infrastruktur profitieren davon zunehmend auch Ärzte anderer Krankenhäuser und damit natürlich auch deren Patienten. So finden regelmäßig Tele-Tumorboards unter anderem mit dem Krankenhaus Freiberg und dem Fachkrankenhaus Coswig statt. Im Rahmen des neu gegründeten Medizin Netzwerks Sachsen (MediNetS) kommen in den nächsten Monaten weitere Krankenhäuser hinzu – darunter auch der Standort Riesa der Elblandkliniken.

Individualisiertes Studium statt Massenabfertigung

Forschung und Lehre sind an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus in hohem Maße verzahnt. Durch einen intensivierten Kontakt der Studierenden mit Forschungsinhalten innerhalb des Reformcurriculums DIPOL wird den Studierenden so neben der Ausbildung zum praktizierenden Arzt auch eine Ausbildung mit stärker wissenschaftlichen Komponenten angeboten. Und das mit hohem personellen und strukturellen Aufwand – denn DIPOL-Kurse werden mit maximal zehn Studierenden abgehalten, während bei klassischen frontalen Vorlesungen ein Lehrender vor 180 bis 200 Studierenden steht. Der betreuungsintensive Unterricht in Kleingruppen und die Etablierung des Medizinischen Interprofessionellen Trainingszentrums MITZ mit Skills Lab und dem Programm „Standardisierte Patienten“ sorgen auch für eine praxisnahe Lehre zur Vermittlung von Basisfertigkeiten und Kommunikations-Kompetenz. Zum Wahren eines hohen Qualitäts-Standards ist der Einsatz zahlreicher und geschulter Tutoren unabdingbar.

Zusätzlich wurde ein Promotions-Kolleg für besonders begabte und forschungsinteressierte Studierende aufgebaut. Die Teilnahme soll die Doktoranden befähigen, nachfolgend an dem von der Exzellenzinitiative geförderten MD/PhD-Programm innerhalb der „Dresden International Graduate School for Biomedicine and Bioengineering (DIGS-BB)“ teilzunehmen, die ihrerseits ein weiterer wesentlicher Faktor für die Exzellenz-Bewerbung mit starker Beteiligung der Dresdner Hochschulmedizin war. Das Studienangebot der Medizinischen Fakultät umfasst neben Humanmedizin und Zahnmedizin auch den Masterstudiengang „Gesundheitswissenschaften – Public Health“ und den Masterstudiengang „Medical Radiation Sciences“ – hier erfolgt parallel die Ausbildung zum von den atomrechtlichen Behörden anerkannten Medizinphysikexperten (MPE).

Finanzielle Lage deutscher Uniklinika verschlechtert sich zunehmend

Bei den Uniklinika entwickelt sich unter dem derzeitigen Finanzierungsrahmen bundesweit eine dauerhafte Defizitsituation. Es drohen zusätzliche Belastungen der Landeshaushalte. Seit dem Jahr 2011 verschlechtert sich die Lage drastisch: Das Gesamtdefizit für die Jahre 2012 und 2013 liegt bei über einer Viertelmilliarde Euro. Für das Jahr 2014 erwarten 61 Prozent der Universitätsklinika ein Defizit. Die Universitätsklinika und Fakultäten sind durch Kostensteigerungen für Personal, Medikamente, medizintechnische Einrichtungen und Energie enorm belastet. Diese Ausgaben steigen in jedem Jahr deutlich stärker als die von den Krankenkassen gezahlten Entgelte. Gleichzeitig kommen viele Bundesländer ihrer Investitionsverpflichtung nicht mehr ausreichend nach. Die Mittel stagnieren seit Jahren und sind teilweise sogar rückläufig. Angesichts der zukünftigen Schuldenbremse wird sich diese Situation weiter verschärfen. Dies betrifft neben den der Krankenversorgung auch die Zuschüsse für Forschung und Lehre.

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden vom 10.11.2014