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15. März 2011

Interview mit Dr. Stephan Helm (KGS) im SPD-Magazin SachsenVorwärts


Ein Blick in Sachsens Krankenhäuser

1. Wie geht es in den sächsischen Krankenhäusern 20 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Zum einen wurde in den zurückliegenden Jahren nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern, so auch in Sachsen, ein historisch einmaliges Krankenhausinvestitionsprogramm realisiert, gemeinsam getragen von Bund, Ländern und Kassen. Allein in Sachsen wurden ca. 5,5 Mrd. Euro in eine nachhaltige Struktur und Substanz investiert. Zugleich fand in Verbindung mit einer relativ stabilen personellen Decke und einer kontinuierlich steigenden Krankenhausinanspruchnahme bei sinkender Behandlungsdauer eine enorme Leistungsverdichtung statt.

Zum anderen entwickeln sich die Kosten schneller als die Erlöse. Krankenhäuser realisieren heute deutlich mehr nichtstationäre Patientenzahlen als stationäres Kerngeschäft. Sie sichern damit also in hohem Maße ambulante und notärztliche Versorgung ab und spielen im Rahmen von Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegepersonal eine bedeutende Rolle.

Insgesamt lässt sich demnach von einer Entwicklung sprechen, die von massivem Umbau im Versorgungssystem gekennzeichnet ist. Immer öfter spielt auch ein gesundheitswirtschaftliches Verständnis in der Branche eine Rolle, in der die Perspektive des Arbeitgebers eingenommen wird und Punkte wie Wertschöpfung, Kaufkraft und Innovationspotential für regionale Märkte im Mittelpunkt stehen.

2. Weniger Krankenhäuser und weniger Betten, dafür aber hochmoderne Einrichtungen. Wie beurteilen Sie den technischen und personellen Stand der Häuser und wie viele Mittel sind in den vergangenen 20 Jahren aus welchen Töpfen in Sachsens Versorgungsstruktur geflossen?

Der erreichte technische Stand ist gut und modern, bleibt aber sicher auch eine Frage des Vergleichs. Die zentrale Herausforderung heißt nach Jahren der umfassenden Sanierung nun Substanzerhalt und Anpassung an den Fortschritt, da medizinisch-technische Entwicklungen sehr dynamisch sind.

Personell stehen die sächsischen Krankenhäuser die letzten Jahre stabil da. Allerdings gibt es gegenläufige Entwicklungen innerhalb der personellen Struktur zu Gunsten des ärztlichen Personals und zu Lasten des pflegerischen Dienstes und anderen Beschäftigtengruppen. Insofern stellt sich personeller Mangel als eine Mischung aus tatsächlichem Mangel in bestimmten Regionen und ärztlichen Fachrichtungen dar, aber auch als zunehmend subjektiv empfundener Mangel an patientenbezogener Zuwendung. Das System und damit die handelnden Personen leiden an einem Übermaß an misstrauensbasierter Bürokratie.

Die hohen investiven Aufwendungen haben in den letzten Jahren Bund, Land und Krankenkassen paritätisch getragen. Insofern gab es nach der Wende im Osten Deutschlands auch keine klassische duale Finanzierung, sondern eher eine triale. Im Rückblick wären die hohen finanziellen Lasten auch nicht anders zu tragen gewesen. Angesichts der weiterhin bestehenden investiven Herausforderungen im Krankenhausbereich erscheint es u.E. ein Muster zu sein, das zur Fortsetzung geeignet erscheint.

3. Das klingt zwar nicht nach Schlaraffenland, aber immerhin sehr gut. Kann der Stand derzeit gehalten oder gar ausgebaut werden?

Gemessen am finanziellen Bedarf und den strukturellen sowie innovativen Anforderungen fehlt dazu ein langfristig belastbares Finanzierungsmodell, insbesondere ab 2015.

4. Sie sprechen von der Quote an technischen Re-Investitionsmöglichkeiten der Häuser. Wie hoch ist diese in anderen Branchen und warum sind diese mit den Krankenhausinvestitionen vergleichbar oder eben auch nicht?

Wir erachten eine 8-10%ige Investitionsquote – bei ca. 3 Mrd. € Umsatz p. a. wären das also ca. 250-300 Mio. € p. a. Investitionsvolumen – als sachgerecht. Darin sind ja schon Schwankungen zwischen unterschiedlichen Versorgungsaufträgen und damit differenzierte betriebliche Investitionsbedarfe berücksichtigt. Wir schauen nicht so sehr in Richtung anderer Branchen, als vielmehr auf eigentlich unstrittig festzustellenden Wiederbeschaffungs- und Ergänzungsbedarf.

5. Mittel in welcher Höhe wären Ihrer Ansicht nach denn notwendig, um den Stand dauerhaft zu halten? Und wer sollte denn Ihrerseits dafür aufkommen? Die Bundesmittel werden ja auch in den kommenden Jahren abgeschmolzen werden, also auch die für den Krankenhausausbau.

Zur Höhe habe ich mich geäußert. In naher Zukunft wird also der Schwerpunkt investiv in dem Bereich liegen, der heute von der sog. Pauschalförderung erfasst ist, also Wiederbeschaffungs- und Ergänzungsinvestitionen. Wer heute dafür aufzukommen hat, steht im  Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) und dem SächsKHG, nämlich der Freistaat Sachsen. Wenn man das nicht will oder nicht kann, muss man die Gesetze ändern. Dies berührt dann allerdings auch Fragen der Versorgungssicherstellung und –planung.

6. Was passiert Ihres Erachtens, wenn diese Mittel nicht aufgewendet werden? Wie sehen Sie dann die Versorgungsstruktur, gerade bei kleineren Häusern und in der Fläche, gewährleistet?

Man müsste präziser fragen, was passiert, wenn das Land diese Mittel nicht in sachgerechter Höhe zur Verfügung stellt. Dann sind wir gezwungen, in steigendem Maße Budgetanteile für investive Zwecke in Anspruch zu nehmen. Dieser Teil fehlt dann jedoch bei der eigentlichen Betriebskostenfinanzierung. Die Konsequenzen kann man bereits heute begutachten: hohe Ausgliederungsquoten, Ausstieg aus öffentlichen Tarifstrukturen, knappe personelle Ressourcen und sonstige Vorhaltungen. Im Übrigen werden so Beitragszahler mit etwas belastet, dass in den Zuständigkeitsbereich der öffentlichen Hand fällt.

Die „kleineren“ Häuser sind neben dem bereits genannten wirtschaftlichen Druck zusätzlich noch in besonderer Weise von einem demografischen Druck betroffen. In der Aufrechterhaltung einer ausgewogenen flächendeckenden Versorgungsstruktur sehen wir  eine spezifische Herausforderung in Sachsen. Mit nochmaligem Hinweis auf zwischenzeitlich komplexes Leistungsspektrum sächsischer Krankenhäuser (KH) heißt dann die Problemlage nicht Gefährdung von KH-Standorten sondern von kompletter Patientenversorgung bei diesen Standorten.

7. Stehen die Krankenhäuser in anderen ostdeutschen Bundesländern vor ähnlichen Herausforderungen oder was kann aus ihren Erfahrungen gelernt werden?

Im Prinzip schon, doch als Alleinstellungsmerkmal von Sachsen sehen wir die parallele Existenz von deutlich erkennbaren Ballungsräumen mit zwei universitären Standorten und dem gegenüber ländliche Strukturen.

Wir versuchen natürlich, voneinander zu lernen. Nicht zuletzt ist gesundheitliche Versorgung immer noch Gegenstand landespolitischer Entscheidungen. Regionale Bedarfe verlangen regionale Versorgungsstrukturen. Diese Vorstellung wird zunehmend von strukturellen Entwicklungen auf Kostenträgerseite konterkariert, da sie auf diese Herausforderung zunehmend weniger Rücksicht nimmt.

8. Kurz und knapp – Worin sehen Sie über die Re-Investitionsquote hinaus, zu beackernde Felder und besondere Herausforderungen für die sächsischen Krankenhäuser in den kommenden Jahren?

In sachgerechter Verzahnung der Sektoren, personeller Sicherung, in einer Stabilisierung notärztlicher Versorgung, in Aus- und Weiterbildung wie einer weiterführenden strukturellen Optimierung

Quelle: http://spd-sachsen.de/sites/default/files/downloads/2011-04_Vorwaerts_April_Web.pdf vom 15.03.2011