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03. Juli 2013

Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden erweitert stationäre Kapazitäten


Neue Spezialstation behandelt schwerpunktmäßig Patienten mit Zwangsstörungen sowie mit Tics und Tourette-Syndrom

Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -therapie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden erweitert zum Juli 2013 ihre sta­tionären Kapazitäten: In der neuen Spezialstation werden schwerpunktmäßig Patienten behandelt, die unter starken Zwängen, unter Tic-Störungen oder dem Tourette-Syndrom leiden. Die neue Station ist in ihrer Art einmalig in Deutschland. Dank der fünf zusätzlichen Therapieplätze können mehr Patienten von der besonderen Expertise der Klinik zur Behandlung dieser psychischen Leiden profitieren, die das Team um Klinikdirektor Prof. Veit Rößner in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Das stationäre Angebot ist eng in das breit gefächerte Therapiespektrum der Klinik eingebunden: Je nach Schwere und Verlauf der Erkrankungen werden die Patienten ambulant, tagesklinisch oder stationär behandelt. Wichtig für eine erfolgreiche Therapie ist die frühzeitige Einbindung der Familie in alle Phasen der Behandlung – eine Strategie, die die Klinik seit langem erfolgreich erforscht und auch im therapeutischen Alltag nutzt.

„Gerade bei Zwangserkrankungen werden viele Familien schon in einem frühen Stadium unbewusst zum Komplizen des Patienten. Später dann kommen Schamgefühle dazu. Dies alles verhindert oft, dass sich die Eltern frühzeitig um Hilfe bemühen. Leider tragen sie so dazu bei, dass das psychische Leiden ihres Kindes chronisch wird und sich damit schwieriger behandeln lässt“, sagt Prof. Veit Rößner. Tatsächlich lassen sich Zwangserkrankungen von Kindern in einem frühen Stadium nicht leicht erkennen. „Bis zur Einschulung kann es ganz normal sein, dass Kinder auf bestimmten Ritualen bestehen. Oft verschwinden diese so schnell wie sie kommen“, so Prof. Rößner weiter. Wenn sich aber die ganze Familie den Bedürfnissen des Kindes unterordnen muss, ist das ein Warnzeichen. Typische Zwänge drehen sich um die Körperhygiene, um das Essen oder die Ordnung. Als Beispiele nennt die Oberärztin Dr. Jessika Weiß zum Beispiel eine bestimmte Reihenfolge, in der die Familie ihre Wohnung verlassen muss oder zwanghaftes Waschen der Hände beziehungsweise anderer Körperteile, wodurch die Betroffenen das Badezimmer regelmäßig blockieren.

Erste Behandlungsschritte erfolgen in der Regel ambulant, wobei es anfangs um die Diagnose geht. Angesichts des großen Mangels an Kinder- und Jugendpsychiatern bietet die von Prof. Veit Rößner geleitete Klinik Spezialsprechstunden für Kinder und Jugendliche an, in denen der Verdacht von Zwangs- und Tic-Störungen abgeklärt werden kann. „Die Eltern sind von Anfang an eng in die Therapie eingebunden, damit das in der Klinik erarbeitete auch zu Hause umgesetzt wird“, sagt Dr. Weiß.

Nicht in allen Fällen sind ambulante Therapien langfristig erfolgreich: Die Zwänge können mit so großen Angstgefühlen verbunden sein, dass nur eine stationäre Behandlung dem psychischen Leiden Einhalt gebieten kann. „Die Patienten müssen lernen, die Angst auszuhalten. Dabei erfahren sie, dass die von ihnen befürchteten Folgen ausbleiben“, erklärt die Oberärztin ein wichtiges Ziel der stationären Therapie.

Tics und Tourette-Syndrom machen Betroffene zu Außenseitern

Für die Patienten ist es kein Trost zu wissen, dass Wolfgang Mozart ein Leidensgenosse war – über 100 Jahre bevor das Krankheitsbild wissenschaftlich von dem französischen Neurologen Gilles de Tourette erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde. Denn die Kombination aus abrupten, willkürlichen sowie unkontrollierbaren Körperbewegungen und Lautäußerungen irritieren viele Mitmenschen. Bei einigen steht sogar die Frage, ob sie eine reguläre Schule besuchen können. Doch die Betroffenen sind weder geistig noch körperlich behindert. Obwohl reine Tic-Störungen – also ausschließlich unwillkürliche Bewegungen – vom zuckenden Augenlid bis zum heftigen Ausschlagen der Arme oder Beine – relativ häufig vorkommen, gibt es in Deutschland nur wenige auf diese Probleme spezialisierte Ärzte. Einer davon ist Prof. Veit Rößner, der viele Patienten selbst behandelt und zudem bundesweit für ärztliche Zweitmeinungen hinzugezogen wird. Der Klinikdirektor erforscht zudem die Ursachen der Erkrankung, entwickelt und untersucht innovative psychotherapeutische Therapieformen. Auch beteiligt sich die Klinik an Studien zu neuen Medikamenten.

Die neue Station bietet speziell für Patienten mit Tic-Störungen das psychotherapeutische Verfahren „Habit-Reversal-Training“ und für Patienten mit Zwangsstörung das psychotherapeutische Verfahren „Expositionstraining mit Reaktionsverhinderung“ an. Zusätzlich finden Gruppen zu sozialem Kompetenz­training statt, um die Kinder und Jugendlichen in ihrem Selbstwert zu stärken und ihnen zum Beispiel zu ermöglichen, trotz der Tics Gleichaltrige anzusprechen und Selbstzweifel zu überwinden. Ergo- und physiotherapeutische Angebote sowie der Besuch der Klinikschule komplettieren das Angebot der Station.

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden vom 03.07.2013